Auf und Ab….

Moin,
Gestern Abend habe ich es tatsächlich noch zum Walden Pond Lake geschafft! Langsam finde ich meinen Rhythmus, zugegeben einen gemütlichen, aber einen Rhythmus. Ab vier Uhr fange ich an nach dem perfekten Campingplatz zu suchen. Um fünf werde ich dann schon weniger wählerisch und ab sechs nehme ich eigentlich jeden. Um sieben ist es dann so weit das ich jemanden frage. Sonntag musste ich jemanden fragen. Ein Grundstück habe ich gefunden auf dem nur eine Scheune stand. Der Nachbar war gerade in der Garage beschäftigt, also mal nachgefragt ob er glaubt dass man da ne Nacht bleiben kann. Er hat mir erklärt wo der Eigentümer wohnt und gesagt das wird schon klappen, und wenn nicht kann ich bei ihm im Garten mein Zelt aufschlagen. So bin ich an Arthur und Sonja geraten, die beiden wohnen nur eine Straße weiter und waren total herzlich! Sie haben mir sofort einen Platz in ihrem Garten angeboten und ein Feuer für mich gemacht. Wir hatten einen tollen Abend mit Lagerfeuer, Bluegrass Musik und gesmoktem Gouda. Sonja hat mir sogar angeboten meine Wäsche zu waschen.


Montag
Als ich um acht aus meinem Zelt komme ist Arthur schon zur Arbeit und Sonja steht in der Tür mit einem Beutel frisch gewaschener, nach Lavendel duftender Wäsche. Wir plaudern noch ein bisschen und Arthur kommt in seiner Frühstückspause noch mal kurz vorbei. Es war echt schön bei den beiden, aber ich muss weiter.
Mein Weg führt mich die nächsten 15km über das bekannte Neu England auf und ab bis an den Airl line Greenway. Ein Greenway ist ein kombinierter Wander-, Reit-und Radweg. Dieser Weg war einmal eine Eisenbahntrasse und die direkteste Verbindung von New York nach Boston, genau meine Richtung!
Der Weg ist weitgehend flach mit einer geringen Steigung und führt durch eine wunderschöne Seen- und Waldlandschaft. Leider sind die Laubbäume hier noch alle kahl, es muss richtig schön sein wenn es hier grün ist! Aber langsam bilden sich die ersten Knospen an den kahlen Ästen.
Um 16:15 Uhr finde ich den idealen Campingplatz, da kann ich wirklich nicht vorbei! Ein kleiner Jugendcampingplatz in einem Kiefernwald direkt an einem See gelegen. Jugendgruppen sind Anfang April nicht zu erwarten, also wird der Platz in Beschlag genommen.
Ich koche mir noch ein Süppchen, erkunde ein bisschen die Gegend, lese ein paar Seiten und bin früh im Bett.


Dienstag
Ich habe eindeutig zu viel Joey Kelly gelesen gestern Abend! In “Hysterie des Körpers” erzählt er von einem Survivalmarsch fast 900km quer durch Deutschland. Und springt bei jeder Gelegenheit in irgendeinen See. Also war ich morgens erst mal eine (ganz kleine) Runde schwimmen. Ui war das kalt! Es gibt eben doch Unterschiede zwischen Deutschland im September und Connecticut im April. Aber im Nachhinein fühle ich mich richtig fit für den Tag!
Und es sollte noch warm genug werden, das Thermometer kletterte bis auf 32 Grad, der totale Hammer!
Leider musste ich nach 30km meinen geliebten Greenway verlassen. Aber es kamen noch ein paar kurze Abschnitte anderer Greenways im Tagesverlauf. Hier einen Platz für eine Pause zu finden ist gar nicht so einfach, hier steht nicht wie bei uns alle paar hundert Meter eine Bank oder sogar mal eine Schutzhütte im Wald. Ich bin froh als ich an eine Kirche komme mit einer kleinen Campinggarnitur im Garten. Auf dem Nachbargrundstück sind eine Handvoll Jugendlicher mit Schießübungen beschäftigt, versichern mir aber in eine andere Richtung zu schießen, na dann!
Abends um sieben bin ich nur noch 20km vom ersten Meilenstein entfernt, dem Walden Pond Lake und ich beschließe durchzufahren. Um halb neun komme ich endlich an, es ist schon längst dunkel. Hier hat Thoreau also sein damals noch unveröffentlichtes Hauptwerk geschrieben, “Walden, leben in den Wäldern”. Habe ich zufällig in der Tasche.
Der See ist von sehr überschaubarer Größe, sehr nah an einem Dorf, nicht weit von Boston und wird von zwei fetten Straßen und einer Eisenbahnlinie eingerahmt. Eine echte Idylle für Aussteiger!

Ich komme weiter unheimlich langsam voran, aber fange an mein Reisetempo zu genießen, so ganz ohne Stress, viele Pausen, ab und zu ne Cola und ein Eis.
Ich habe aber langsam die Vermutung das ich trotz langer Ausrüstungsoptimierung ein bisschen viel dabei habe. Beim Nachzählen komme ich auf ganze 6 Hosen, drei Jacken, eine Weste, drei T-Shirts und ein Longsleve. WTF, nur ein Longsleve? Was wenn ich das verliere???
Ok, ich bin wohl noch nicht soweit mich von irgendwas zu trennen!
Erst mal schauen wie Kanada so wird!
Ich habe jetzt rund 350km in den Beinen, bis zum nächsten Ziel, Quebec sind es noch mal 650km. Aber heute werde ich es erstmal etwas ruhiger angehen lassen…

So long, Sven

6 thoughts on “Auf und Ab….

  1. Milena

    Wenn man das liest, würde ich am liebsten direkt meine Sachen packen und mitradeln. Freue mich auf jeden neuen Bericht.
    Gruß aus Grünhof

  2. Petra

    Hi Sven,
    höchste Zeit, dass ich mich auch mal melde – ich bin begeistert, dass du Thoreau dabei hast 🙂 !!
    Ansonsten alles liebe aus Klein-Niederbreitbach; verpass deinen Oster-Kirchbesuch nicht!!
    Ansonsten: ich drück dich ganz fest

  3. Ute Fischer

    Hallo, da hast du ja schon ein paar nette Leute kennengelernt auf deiner Reise würde ich mal sagen!!! Überhaupt hast du nee nette Art zu schreiben!!

  4. Corina

    Hallo mein bester!!!!!!
    Wir freuen uns sehr mit dir über deine ersten Reiseerfahrungen in dieser sehr schönen Landschaft. Mitradeln……..erstmal nicht…aber unheimlich gern ein,2 oder 3 lekka Bierchen am nächsten See…..holen wir auf jeden Fall nach!!!!Und wir freuen uns auf deinen nä. spannend-lustigen Bericht.Bis dahin fühl dich fest gedrückt!!!

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