Soul Searching

Samstag Abend gönne ich mir ein Hotel, das heißt warm duschen und morgens ein Frühstück inklusive, der Himmel auf Erden! Ostersonntag läuft mit schon beim Aufstehen das Wasser im Mund zusammen beim Gedanken an gebackene Pfannkuchen, Eier mit Speck und frischem Toast. Also schnell noch einmal unter die Dusche und dann auf zum Frühstück.
Was ich dann sehe ist total enttäuschend, mein Continental Breakfast besteht aus ein paar eklig süßen Cornflakes und Toast mit Butter. Und ich hatte mich so gefreut…

Dafür entschädigen mich die ersten Kilometer in Maine komplett, die Natur ist wunderschön und so wird sie bis Canada auch bleiben.  Mittags gönne ich mir ein leckeres Indisches Essen inkl. Vorsüppchen. Es sind nur wenige Gäste im Restaurant und nach dem Essen kommt der Chef mit raus, bestaunt mein Radel und wünscht mir eine gute Fahrt, total niedlich!

Meine Naviapp, die sich bis jetzt keine Aussetzer geleistet hat kennt eine Abkürzung für mich und es geht auf einen kleinen Trail. Erst noch gut wird es immer schlammiger und mein Rad versinkt immer wieder handbreit im tiefen Matsch. Es kostet mich extrem Kraft es jedes mal heraus zu ziehen. Der Plan noch richtig Kilometer zu machen geht nicht auf, ich brauche über eine Stunde für die 4,5 Kilometer Trail bevor ich wieder auf die Straße komme….

Um den Tag abzurunden finde ich am Abend lange keinen Schlafplatz. Ich muss mich mit einem kombinierten Spielplatz und Hundewiese in einer Kleinstadt arrangieren. Der Spielplatz ist von drei Seiten von Häusern umgeben und ich bin gut sichtbar. Passt mir eigentlich gar nicht. Ich beschließe in dieser Nacht auf mein Zelt zu verzichten. Ich warte also bis es dunkel wird und breite meine Luftmatratze dann auf einem Campingtisch aus. Zumindest habe ich von hier aus auch etwas innerlich. Die Nacht schlafe ich nicht gut und bin oft wach. Ich stelle mir den Wecker und bin morgens um halb sieben wieder verschwunden.


Der Montag ist dann ziemlich eintönig, es wird wieder kälter und ich kämpfe noch auf und ab, diesmal plus Wind. Natürlich Gegenwind, wie sollte es anders sein? Dafür finde ich früh einen guten Zeltplatz, ich darf mein Zelt hinter einer Feuerwehrwache aufstellen und bin früh im Schlafsack verschwunden.


Der Dienstag wird noch kälter, das Thermometer steigt nicht mehr über 6 Grad. Aber beim Fahren ist es in Ordnung. Nur meine Füße sind furchtbar kalt, bald spüre ich meine Füße nicht mehr. In einem Geschäft besorge ich mir zwei Plastiktüte und stecke sie mir als Windschutz über die Socken. Hilft ein bisschen. Die Abstände zwischen den Städten werden jetzt merklich länger, bis zum nächsten Dorf sind es 36 Kilometer, bis nach Canada keine 100 mehr.


Es geht weiter an einem riesigen eingefrorenen See entlang, der Anblick ist atemberaubend! An einer Parkbucht sehe ich eine asiatische Familie die gerade Familienfotos macht. Ich habe das Gefühl mich seit Tagen nicht unterhalten zu haben und halte auch an.
Die fünf sind total süß, löchern mich mit Fragen und glauben mir kein Wort. Wir lachen viel zusammen. Der Vater erzählt mir er ist protestantischer Priester und fängt bald eine neue Stelle als Seelsorger bei der Army an. Vorher macht er mit seiner Familie noch mal ein paar Tage Urlaub.

Ich muss natürlich mit auf das Familienfoto. Danach folgt ein kurzer Dialog auf koreanisch, dem ich nicht ganz folgen kann. Anschließend fängt der Vater an das Auto umzubauen. Sitze werden umgeklappt, Koffer gestapelt und mein Drahtesel kommt in den Kofferraum. Gefragt werde ich eigentlich gar nicht, die fünf wollen mir etwas Gutes tun. Sie nehmen mich wirklich bis Quebec mit, ich bin total begeistert!!!
In das Auto passt tatsächlich alles rein. Auf der Fahrt werde ich mit getrocknetem Fisch, Krabbenchips, Marshmallows und Wasser versorgt. Aber am meisten freue ich mich über die Sitzheizung, ich bin kurz davor einzuschlafen.
JT und ich unterhalten uns auf der Fahrt lange über das Reisen. Er erzählt mir das die Amerikaner nicht pilgern, es fehlen die passenden Pilgerstätten zum pilgern. Statt dessen machen sie lange Wanderungen, eigentlich ganz ähnlich unserer Pilgerreisen. Sie nennen diese Reisen Soul Searching. Ich mag den Ausdruck sofort, so passend!
Seit ich unterwegs bin mache ich mir unheimlich viele Gedanken über mein Leben, die letzten Jahre, denke viel an Mama und an vergangene Beziehungen. Viele schöne Erinnerungen kommen mir in den Kopf, ich habe Ohrwürmer von Liedern die ich ewig nicht gehört habe. Aber auch die traurigen Dinge gehen mir immer wieder durch den Kopf. Irgendwie ist seit ich unterwegs bin alles extremer, ich kann total glücklich sein während ich durch die Gegend fahre, aber auch ziemlich betrübt. Und immer wieder frage ich mich was ich denn machen will wenn ich nach Hause komme. Ja, Soul searching ist total passend für meine Reise! 

Wir sind schon früh in Quebec, gegen halb 4 sind wir da. Ich steuer das nächste Hostel an und nehme ein Zimmer für zwei Nächte, ich bin gut im Zeitplan.
Heute gab es dann die obligatorische Stadtführung durch Quebec, eine unheimlich tolle Stadt mit vielen kleinen Gassen, total gemütlich. Gleich bin ich noch zum Kochen mit ein paar anderen Hostelgästen verabredet.

Morgen geht es weiter Richtung Toronto.
Let’s go Soul Searching!

Sven

9 thoughts on “Soul Searching

  1. Mandy

    ?…..du bist wirklich langsam auf dem besten Weg des soul searching……
    Manchmal gehören betrübte Momente auch dazu!
    Du kannst jetzt schon stolz auf dich sein!!!!!!
    Dicken Drücker von mir und deinem Frumpel!

  2. Ute r

    Na wie schauts aus, was für Erlebnisse hattest du in den letzten Tagen? Welche n Leuten bist du begegnet, und bist du mit Rousinante gut vorwärts gekommen? Lg.Grüße Ute

  3. sven

    Die letzten Tage bin ich gar nicht vorwärts gekommen ?
    Es hat geregnet und ich habe meine Zeit im Hostel bis heute verlängert.
    Aber heute geht es wirklich weiter!

  4. Patricia A.

    Für all diese Dinge hast du nun genügend Zeit ☺
    Nimm dir Zeit glücklich zu sein, nimm die Zeit traurig zu sein…und denk nicht an morgen sondern nur an das Jetzt. Das zählt ganz allein.

    Wünsche dir weiterhin eine wunderschöne Reise! Dont search your soul, you already have your soul ?

  5. Sonja

    Soul Searching – echt ein schöner Ausdruck! Und wieviel du schon gesehen hast in dieser Zeit! Den eingefrorenen See finde ich besonders schön. Und all die Menschen, die du sonst ja nie getroffen hättest… faszinierend… jeder sucht wohl auf seine Weise, aber dein Weg ist schon ein ganz besonderer!

  6. Corina

    ….Hey mein Lieber wirklich sehr schöne Plätze die sich da immer mal wieder in dein Herzl schleichen…Und vielen Dank das wir sie sehen dürfen. Nach Sonne kommt Regen!!! So ist das manchmal…Wir vermissen Dich auch seeeehr hier….Kopf hoch!Auch wenn der Hals dreckig ist……liebste Umarmung von den 3en ausm Dicken Balken.Bitte bis sehr bald

  7. Stefan Zänkert

    nach wie vor gefällt mir Deine Art zu schreiben sehr. Du bist echt privilegiert so eine Erfahrung machen zu dürfen. Sich über das “Danach” Gedanken zu machen ist auch okay. Du glaubst nicht was Du für ein Fernweh bei mir auslöst. Vielleicht bekommen wir unseren gemeinsamen West Coast Trail hin, wäre echt wunderbar. Ich bleibe vorerst in Gedanken oft bei Dir. Die Kinder fragen tatsächlich hin und wieder nach Dir, wunderbar.

  8. Ute Fischer

    Hallo erstmal, wie geht es dir heute! Welche Seen und Landstriche hast du weiter erkundet? Wie ist die Wetterlage und das werte Befinden? Oder ist das egal, so nach dem Motto Wetter brauchen wir heute keines?

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