The Badger

Die Farmtage bei Roy haben mir einen riesen Spaß gemacht und wir verabschieden uns herzlich von einander.
Die nächsten Tage habe ich ein für mich ziemlich neues Problem: viel zu viel Zeit!

Ich muss am 24.Mai in Pecatonica sein und leider reicht die Zeit nicht, um um den Lake Michigan zu fahren, also nehme ich die Fähre. Die erste Fähre kommt freitags und dann habe ich wieder jede Menge Zeit um danach nach Pecatonica zu kommen. Die nächsten Tage muss ich täglich nur 80km fahren. Hier im Flachland sollte das kein Problem sein und bis zum sehr frühen Nachmittag abgehakt. Bei gutem Wetter könnte man sich auch zwei Tage an den See setzen und lesen. Aber gutes Wetter habe ich natürlich nicht.

Am zweiten Tag komme ich am frühen Nachmittag an einem schönen Campingplatz vorbei. Es sind noch 50km bis zur Fähre die aber erst übermorgen fährt. Also bleibe ich. Zu meiner Überraschung akzeptieren die hier keine Kreditkarte und ich brauche wirklich Cash. Also zehn Kilometer zurück zur letzten Stadt und Geld abgeholt. Es gibt einen selbstcheckin, man steckt Geld für seinen Platz und Feuerholz, wenn man welches will, in einen Briefumschlag und schmeißt ihn in den Briefkasten. Für mein Geld habe ich direkt den ganzen Campingplatz gemietet, andere Gäste gibt es nicht. Nachts werde ich wach, es ist taghell  und am Himmel gibt es ein gigantisches Wetterleuchten mit Blitzen quer über den Himmel, unglaublich eindrucksvoll, ich stehe vor dem Zelt und genieße die Show.

Auf einmal wird es stürmisch, regnet in Strömen und ein ziemlich übles Gewitter bricht herein. Ich bin froh das ich mich in der Nacht für einen Campingplatz entschieden habe und verbringe die nächsten 90 Minuten in den Restrooms. Nicht weil ich Angst habe, aber Gewitter und Zelt ist keine schöne Kombination.

Der nächste Tag sollte gemütlich sein, nur 50km und der Erwerb eines Fährtickets stehen auf dem Programm. Aber es ist ein unheimlich windiger Tag und ich fahre durch Farmland, also keine Möglichkeit dem Wind zu entgehen zwischen den kahlen Feldern. Ich kämpfe mich mit um die zehn kmh gegen den Wind und brauche eine gefühlte Ewigkeit bis zum Hafen. Dafür darf ich mein Zelt direkt hinter dem Fährbüro aufschlagen. Nach der letzten Gewitternacht ist mir der Schlafplatz direkt neben der riesigen Stahlantenne ein bisschen unheimlich, aber falls es gewittern sollte gibt es einen Pavillon am anderen Ende des Hafens der aussieht als wäre er gut geeignet um dort abzuwettern. Aber die Nacht bleibt ruhig. 

Die Fähre ist ein richtiges Ungetüm, gebaut um Eisenbahnen bei jedem Wetter über den See zu verschiffen, zur Not auch als Eisbrecher. Und sie ist Kohlegetrieben und erreicht damit die selbe Umweltklasse wie die russische Admiral Kusnezow. Aber die vierstündige Fahrt ist ein riesen Spaß, es gibt gutes Essen, ein Quiz, Großgruppenbingo und Livemusik.

Auf der anderen Seeseite geht es weiter Richtung Norden und ich lerne etwas völlig neues kennen: Rückenwind! Ein riesen Spaß und ich komme viel zu schnell voran. Ich übernachte eine Nacht bei einem Ehepaar die mir erzählen das hier das Gewitter von Mittwoch richtig heftig war und so manchen Baum und auch ein paar Strommäste abgeknickt sind. Auch mein Radweg wird immer mal wieder von einem rumliegenden Baum unterbrochen. 

Da ich noch jede Menge Zeit habe entscheide ich mich für einen Umweg über Madison, zwei Nächte in einem Youth Hostel und einem Ruhetag. Madison ist ein bisschen wie Düsseldorf: Landeshauptstadt ohne besondere Reize. Das heißt, ich kann ohne viel zu verpassen in den Nachbarort fahren. Hier gibt es ein Imax Kino und ich gucke mir den neuen Alienfilm an. Ich bin total gespannt, ekel mich, weine ab und zu und bin nach dem Film total mitgenommen. Wenn man nur alle zwei Monate einen Film sieht nehmen die Dinger einen ganz schön mit :c) 

In meinem Hostel gibt es Frühstück, aber das besteht nur aus einer Fertigmischung Pfannkuchenteig und Sirup zur freien Verfügung. Aber mehr braucht man ja auch gar nicht für den Tag! 

 


Dienstag geht es wieder aufs Rad. Die erste Tageshälfte ist wunderschön, aber gegen Mittag fängt es an zu regnen. Ich halte an einem Haus um meine Regensachen anzuziehen. Ich unterhalte mich kurz mit einem Nachbarn der Entwarnung gibt, wir sind nur ganz am Rand und der Regen hört bald wieder auf. Also ziehe ich mir meine Regenjacke an und verzichte auf Regenhose und Gamaschen. Zehn Minuten später ist meine Hose komplett nass, fünf Minuten danach ist meine Unterhose durchweicht und weitere fünfzehn Minuten später habe ich auch in den Schuhen Wasser. Der Regen bleibt bis zum Abend mein Begleiter und selbst die Flüsse scheinen mir nicht mehr da zu sein wo sie hingehören. 


Kurz vor meinem Etappenziel passiert es dann: mein erster Sturz! Ich fahre an einem Highway entlang, es ist viel Verkehr und ich bleibe lieber auf dem Seitenstreifen. Ich fahre durch eine Pfütze die geschickt ein Schlagloch verdeckt, steige über den Lenker ab und lande ziemlich unsanft auf dem Asphalt. Neben mir hält ein Auto an und die Fahrerin fragt, ob es mir gut geht. Kurzer Selbstcheck und ich sag ich bin ok. Sie besteht darauf das ich ziemlich heftig blute und ich kann ihr nicht so richtig widersprechen, an der rechten Hand habe ich einen kleinen, aber ziemlich tiefen Cut, das muss wohl wirklich genäht werden. Katie besteht darauf mich zum Arzt zu fahren und ruft unterwegs ihren Bruder an, damit er das Rad abholt. Beim Arzt komme ich sofort an die Reihe und 45 Minuten, 180 Dollar und drei Stiche später darf ich die Praxis wieder verlassen. Im Wartezimmer warten Katie und ihr Bruder auf mich und ich freue mich das jemand da ist, irgendwie schön. Wir holen mein Rad ab, fahren zur Apotheke und gehen noch was essen bevor die beiden mich zu meinem Couchsurfing Host bringen. Dem Fahrrad geht es übrigens gut, keine Risse in der Gabel, keine Acht im Rad und sogar noch Luft in den Reifen, das Ding ist echt ein Panzer, vielen dank an Tim für Beratung und Zusammenbau, wirklich ein super Reisegefährte meine Rosinante!

Heute fahre ich in ein Buddhistisches Kloster, die nächsten Tage werde ich in Stille und Meditation verbringen. Das ist schon lange geplant, aber auch eine gute Möglichkeit meine Hand ein bisschen zu entspannen. Bis zum 4.Juni bin ich also erstmal raus aus der Welt, kein Handy, kein Internet, keine Emails, nichts. 

So long, 

Sven

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