Kreisverkehr

Die letzten Wochen drehte sich meine Reise ganz schön im Kreis um Rockford, Illinois. Das Kloster ist nicht weit weg. Bei der Ankunft ist noch alles friedlich und ich freue mich riesig das noch ein bisschen Zeit zum plaudern ist bevor es los geht und fast noch mehr das es für jeden ein Einzelzimmer gibt. Die Tage sind hier richtig hart, wecken ist um vier und Dienstbeginn ist um 4:30h. Zwei Stunden Meditation, alleine auf dem Zimmer oder im Gemeinschaftsraum. Danach gibt es endlich Frühstück. Damit das es nur zweieinhalb Mahlzeiten am Tag gibt (Frühstück, Mittagessen um 11:30 und Tee um 17 Uhr mit ein bisschen Obst) komme ich super klar. Das stundenlange Meditieren jeden Tag fällt mir schon schwer, aber ein paar Methoden stören mich doch gewaltig. Es gibt jeden Tag drei mal eine Stunde Gruppenmeditation. Alle sollen in der Zeit im Raum bleiben, am 3. Tag fangen die Manager an alle Teilnehmer wieder in den Raum zurück zu holen die in der Zeit mal raus gehen. Noch dazu kommt, das die der Meinung sind, keine Religion zu sein, weil alle Religionen ja nur falsch sein können. Die Meditation dient zur Erkundung der Naturgesetze, ist also das einzig Wahre. Man beobachtet also seinen Körper. Irgendwann zuckt ein Muskel, juckt die Oberlippe oder man fängt an zu frieren. Und das alles verschwindet wieder. Und daraus, das ein Jucken an der Oberlippe kommt und geht, kann man, nachdem man lange genug meditiert hat, schließen das alles kommt und geht, nichts ist von Bestand. Und so gehen auch wir irgendwann und werden wiedergeboren (oder vorher wahrhaft erleuchtet, dann müssen wir nicht noch mal). Aber das ist natürlich keine Religion, sondern Naturgesetz.
Das Wetter ist wunderschön. Rosinante ist in einem Schuppen auf dem Gelände untergebracht. Die Tür ist offen und ich sehe sie mindestens ein dutzend mal am Tag. Auch sie will unbedingt wieder auf die Straße! Am fünften Tag gebe ich nach und packe meine sieben Taschen zusammen (in Wahrheit sind es übrigens nur sechs). Ich verlasse das Kloster. Und wieder habe ich ein Zeitproblem. Ich habe mir ein neues Zelt bestellt, es ist aber noch nicht in Rockford angekommen. Außerdem hat mir Terrence, bei dem ich die Nacht vor dem Kloster geschlafen habe, ein paar Landkarten bestellt und wir sind sonntags verabredet. Ich komme aber Montag schon aus dem Tempel, macht fünf Tage warten in Rockford. Ich übernachte die erste Nacht auf einem Campingplatz, hab aber eigentlich genug davon am selben Ort zu sein, einmal Vagabund, immer Vagabund. Also beschließe ich nach Chicago zu fahren.

Das sind 160km pro Strecke, also zwei mal zwei Tage Fahrt plus einen Towntag in Chicago. Das gefällt mir schon besser.
Auf dem Weg nach Chicago komme ich durch Sygamore, eine unheimlich niedliche Stadt. Ich komme an einem Haus mit mindestens einem Dutzend alten Rennrädern in der Einfahrt vorbei, ein paar richtig schöne sind darunter. Da kann ich einfach nicht vorbei fahren. Ich halte an und komme mit dem Besitzer ins Gespräch, Lynden, ein Künstler aus der Stadt. Stolz zeigt er mir seine Räder. In seiner Garage hat er noch viele mehr, die dort an der Decke hängen. Dazu kommen Skulpturen, Zeichnungen und Fotos von Eisskulpturen die er angefertigt hat. Für einen Bikecontest hat er einmal ein Chopperfahrrad aus einem Tandem gebaut, sehr cooles Teil und es fährt richtig gut. Lynden lädt mich ein, in seinem Garten zu campen. Morgens gibt es eine schöne warme Dusche und danach gehen wir zusammen in ein sehr amerikanisches Diner. Der Tag ist wunderschön und Lynden begleitet mich auf den ersten zehn Kilometern Richtung Chicago.

Ich mache noch einen Stop auf dem Weg nach Chicago und lerne Hans und seine Kaffeerunde kennen. Hans bietet mir an, bei ihm zu schlafen und von ihm aus mit der Bahn nach Chicago zu fahren. Leider habe ich kurz vor unserem Gespräch mein Hostel gebucht, dafür verabreden wir uns für meine Rückfahrt am Freitag zu Abendessen und Übernachtung. Und ich lasse einen Großteil meiner Sachen direkt bei ihm, Campingzeug brauche ich in Chicago nicht.
Die Fahrt nach Chicago ist weiter unheimlich flach. Auf meiner Fahrt Richtung Chicago komme ich durch ein paar nicht sehr einladende Vororte und das ist noch nicht mal der Süden vor dem einen alle immer warnen. Im Zentrum von Chicago dagegen ist es wunderschön, die Architektur ist beeindruckend und es ist friedlich, fast wie eine Blase zwischen den etwas gewöhnungsbedürftigen Vororten. Aber auch hier ist es unheimlich hektisch und Radfahren macht hier mal so gar keinen Spaß. Auf den Straßen ist die Hölle los und die Radwege direkt am See sind voller Touristen. Ich weiß, selbst Tourist!
Aber Chicago ist trotz allem eine richtig schöne Stadt in der ich mich auf Anhieb wohl fühle. Ich besuche am ersten Abend den Millennium Park mit der auf Hochglanz polierten Bohne, gehe zum Hafen, schlender an der Buckingham Fontäne vorbei (na, wer erkennt sie???) und beende den Abend in einem der vielen Bluesclubs bei einem Bier und Livemusike. Der Club hat eine ziemlich ansehnliche Sammlung von Gitarren, unter anderem hängt eine Strat von Tom Petty an der Wand! Als ich mich auf den Weg zum Hostel mache ist es schon fast Mitternacht, die Nacht ist warm, klar und friedlich. Trotzdem guckt man sich ab und zu verstohlen um, nach all den Schauergeschichten über die windige Stadt. Am nächsten Tag besuche ich den Wilson Tower mit seinem genialen Glasbalkon im 103.Stock und das Chicago Institut of arts.


Freitag morgen drehe ich noch einmal eine Runde mit dem Rad durch die Stadt und am Pier entlang, bevor ich wieder Richtung Rockford radel. Wie besprochen bin ich zum Abendessen bei Hans und seiner Frau. Es gibt eines der besten Abendessen seit ich in den Staaten bin: Körnerbrot mit Schinken, Salami und Teewurst. Ich bin total begeistert!!!
Am Samstag morgen fährt Hans noch bis zum Kunstmarkt in Sygamore. Ich hoffe Lynden wiederzusehen, aber finde ihn nicht. Dafür gibt es ‘ne ziemlich gute Band und ‘nen Burrito bevor ich wieder nach Rockford radel. Mein Zelt ist schon angekommen und ich hole es beim örtlichen FedEx Büro ab. Ich habe also für eine Nacht zwei Zelte und frage Katie, meine Retterin von letzter Woche ob sie nicht Lust hat mit ihrem Bruder mit zum Zelten zu kommen. Sie kommt, bringt aber statt ihrem Bruder der arbeiten muss, einen Freund mit. Wir haben einen tollen Abend mit Lagerfeuer, Barbecue, Smore und viel zu wenig Fotos.
Sonntag fahre ich noch einmal zu Terrence für eine Nacht, es scheint sich alles zu wiederholen und ich fange an nach Murmeltieren Ausschau zu halten. Wir haben einen schönen, aber kurzen Abend. Montag morgen geht es noch einmal ins Diner bevor ich um zehn wieder auf dem Rad sitze. Nicht um einfach nur hin und her zu fahren und Zeit tot zu schlagen, sondern endlich wieder richtig weiter. Nach Westen Richtung Mississippi und dann 500km den Fluß entlang bis zum Missouri, ich freue mich riesig darauf!!!

Und natürlich:

So long, 

Sven

6 thoughts on “Kreisverkehr

  1. Michaela

    Hi Sven, schön, dass der Blog wieder bei mir ankommt 😊👍. Habe jetzt erst einmal Bericht für Bericht gelesen und muss sagen: Du hast alles richtig gemacht! So viel Zeit für sich selbst, tolle Erfahrungen, Menschen, Zeit zum Nachdenken, einfach im hier und jetzt zu leben und doch immer wieder die Erkenntnis “man ist nie allein”! Ein bisschen beneidenswert! Du schreibst so, dass ich gerne lese. Und ich lese eher selten. Deine Nächte allein im Park, bei Gewitter und immer nur ein Stück Stoff als Schutz, wären nicht so meine, aber wahrscheinlich muss man es einfach nur mal probieren.
    Hoffe Deiner Hand geht es besser und freue mich auf die nächsten Berichte!
    Michaela

  2. Vanessa Wagner

    Hallo Sven, wie immer spanndend und mitreißend 😊 mach weiter so. Wir freuen uns auf dein nächsten Bericht 🤗 Deine Grünhofer

  3. Triene

    Hey Sven,
    so langsam warte ich darauf, dass dein Blog zweisprachig wird – damit deine neuen Bekannten ihre Neugier nach deinem Fortkommen auch befriedigen können. 😉
    Ich wünsch dir weiter gute Fahrt!
    Vlg
    Triene

  4. Wyvonna & James Roberts

    Hi Sven. My husband, James and I had a good time speaking with you last evening. It was so enjoyable learning and sharing our two different cultures. We wish you well on your journey. Take care and happy party evening.
    James and Wyvonna Roberts

  5. Stefan Zänkert

    Hallo Sven,

    schön von Dir und Deinen Abenteuern zu lesen. Der Fahrrad-Typ ist echt cool und erinnert mich tatsächlich an Dr. Space. Finchen und Jonas fragen tatsächlich nach Dir und wollen wissen wo Du Dich gerade herumtreibst. Fine hat am Samstag Ihren fünften Geburtstag gefeiert, und gefragt ob Du auch noch kommen würdest, weil doch schließlich alle Ihre Freunde dort waren!
    Nach dem 26.07. werde ich wissen in welcher Verfassung ich bin und wie lange ich ausfalle. Mal sehen was wir dann so planen können?
    Alles wird gut.

  6. Ute Fischer

    Moin, moin erstmal wie geht’s dir so bist du schon unterwegs mit Rosinante also heute meine ich “?Oder ist Erholung gefragt??

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