Sieben Tage gelb

Ich bleibe eine ganze Woche im Yellowstone National Park, es gibt hier so unglaublich viel zu sehen. Und ich könnte bestimmt noch eine weitere Woche neues Entdecken, aber es gibt bestimmt auch noch andere schöne Ecken in den Rockies!

Tag  1
Bis zum Nationalpark sind es von meinem letzten Schlafplatz nur noch wenige Meilen. Ich bin schon wieder ein paar Tage unterwegs und beschließe heute nicht viel zu radeln, auf den ersten 20 Meilen Nationalpark gibt es 3 Campingplätze, da wird sich schon was finden. Aber zuerst fahre ich am ersten Rastplatz raus und genieße ein zweites Frühstück. Ich komme mit einem Paar ins Gespräch und die beiden laden mich zum Abendessen auf ihrem Zeltplatz ein. Also wird es ein lustiger Abend in guter Gesellschaft. Blöd nur, dass sie auf keinem der ersten drei Plätze zelten, sondern weiter westlich. Trotzdem sage ich zu, es werden also wieder 100km und 1000 Höhenmeter heute. Da ich über den Bear Tooth Pass gefahren bin fahre ich durch Lamar Valley in den Park ein. Nach einer Fahrt durch dichten Wald komme ich in das Tal, welches sehr weit ist, in der Mitte schlängelt sich ein Fluss und drum herum nichts als Steppe. Und darauf riesige Büffelherden mit mehreren hundert Tieren, absolut gigantisch, die zwei Tonnen schweren Tiere beanspruchen das Tal für sich. Auf einer Brücke stockt der Verkehr, ein Büffel schlendert gemütlich über die Mitte der Fahrbahn. Als er am anderen Ufer zur Seite geht achte ich tunlichst darauf das ein Auto zwischen uns ist als ich ihn passiere. Hinter dem Valley fahre ich rechts. Das Straßensystem im Nationalpark ist im wesentlichen eine große acht, von der ich in den nächsten Tagen den äußeren Ring gegen den Uhrzeigersinn abfahren werde, immerhin hat so eine Runde ungefähr 230km. Am Straßenrand sehe ich einen Kojoten auf einem Pfad spazieren, keine zwei Meter neben der Straße und in aller Ruhe. Plötzlich macht er einen Satz, landet in einem kleinen Grasbüchel und kommt mit einem kleinen Nager im Maul wieder raus, den er an Ort und Stelle verspeist. Ich gucke mir noch den ersten Wasserfall an und fahre dann in den ersten größeren Ort im Park. Ok, groß ist relativ, aber es gibt ein Hotel, ein Restaurant, eine Tankstelle, ein Lebensmittellädchen und ein Besucherzentrum. Ein Hirsch (oder Elch?) grast gemütlich mitten im Dorf. Zum Tagesabschluss geht es noch mal ein paar Kilometer bergauf durch eine wunderschöne zerklüftete Felslandschaft. Leider ist meine SD-Karte voll. Ich habe noch eine in den Tiefen meiner Packtasche, bin aber an dem Punkt wo mir ankommen wichtiger ist als Fotos, also geht es weiter bis zum Zeltplatz. Die beiden haben schon gekocht und ein Feuer brennt auch schon. Mein erster Tag im Nationalpark endet sehr gemütlich, vollgefuttert und mit ein paar Schlücken Wein und Whisky.

Tag 2
Heute gibt es endlich den ersehnten Ruhetag! Ich fahre morgens 800 Meter zum Fluss und wieder zurück, den Rest des Tages gucke ich den Bodeneichhörnchen vor meinem Zelt beim Spielen und futtern zu und lese viel.
Meinen dritten Tag würde ich gerne wandern gehen und frage einen der Ranger nach einer guten Route. Tatsächlich startet ein Wanderwege direkt am Campingplatz, der Bighorn Trail, zwanzig Meilen über einen Pass bis zum Highway, von wo aus ich zurück trampen könnte. Aber der Ranger rät dringend davon ab alleine und ohne Bärenspray ins Hinterland zu gehen. Ich werd wohl besser doch weiter auf dem Highway radeln…

Tag 3
Es geht weiter Richtung Süden. Der gesamte Yellowstone Park ist ein großer Vulkan und gehört zu den aktivsten thetmalen Regionen der Welt. Einige Thermalquellen und Gaisiere liegen heute auf meinem Weg. Hier sind so viele Dinge dicht an dicht aufgereiht das man dazwischen kaum einen Rhythmus zum radeln findet, alle zehn Minuten wird irgendwo gehalten, gestaunt, fotografiert, wieder aufgestiegen. An unzähligen Stellen raucht und Qualmt es aus dem Boden, in den Thermalquellen tritt das Wasser kochend an die Oberfläche und überall riecht es nach Schwefel. So ungefähr stelle ich mir Lummerland vor…. Der Nationalpark ist für mich so etwas wie Urlaub im Urlaub, also genieße ich das langsame vorankommen.

Tag 4

Heute stehen mir der Grand Prismatic Spring und dem Old Faithful Geysir zwei der absoluten Highlights des Parks auf dem Programm. Die Grand Prismatic Spring ist das größte Thermale Becken im Park. Die Mitte ist Azurblau, der Rand rotbraun, umgeben ist sie von verschiedenen Thermalquellen und rauchenden Erdlöchern. Hundert Meter weiter ist ein Wasserfall ausgeschildert, aber der Weg geht quer durch den Wald und ist nicht mit dem Fahrrad befahrbar. Also werden die nächsten fünf Kilometer gewandert. Es lohnt sich, es geht durch dichten Wald bis zu einem nicht sehr breiten, dafür aber ziemlich hohen Wasserfall.
Als nächstes geht es zum Old Faithful Geysire. Der Geysire stößt alle 94 Minuten eine 40 Meter hohe Fontäne in die Luft. Für dieses Schauspiel haben sich unglaublich viele Zuschauer versammelt und sitzen auf der halbkreisförmigen Tribüne rund um den Geysire. Vom Geysire steigt kontinuierlich Rauch in den Himmel, irgendwann fängt er an zu blubbern und dann geht ein gewaltiger Wasserstrahl himmelwärts. Nach einer halben Minute ist das Schauspiel vorbei und ein anderes beginnt: die Amerikaner klatschen total begeistert und man hört ab und zu ein begeistertes “good Job!!!” oder “here we go”. Gut gemacht kleiner Geysire!
Anschließend lehrt sich der Platz ziemlich abrupt. Ich lege mich gemütlich in einen der drei Schaukelstühle vor der Touristeninformation und mache meinen Mittagsschlaf. Bevor ich weiter fahre schlender ich noch durch den Shop und erstehe ein Bärenspray, jetzt steht Ausflügen ins Hinterland nichts mehr im Wege!
Abends komme ich an einen Campingplatz. Im gesamten Nationalpark darf nur auf den Campingplätzen gecampt werden, zum wild campen braucht man eine Genehmigung. Die wenigsten Campingplätze nehmen Reservierungen an, es gilt wer zu erst kommt mahlt zuerst. In der Regel sind alle Campingplätze im Park morgens um halb acht belegt, ab dann gibt es keine Chance mehr. Zum Glück muss jeder Campingplatz ein bestimmtes Kontingent an Plätzen für Radfahrer und Wanderer freihalten, so daß für mich immer irgendwo ein Platz frei ist. Die Hiker and biker Plätze sind außerdem deutlich günstiger, ich zahle zwischen fünf und neun Dollar pro Nacht.
An dem Abend sind wir zu fünft, vier Radler und ein Wanderer auf seinem Weg von Mexiko nach Canada, quer durch die Rockies, Hut ab!
Einer der Radfahrer führt Tagebuch und fragt welcher Tag heute ist. Wir gucken uns alle ratlos an bevor wir laut loslachen….

Tag 5:

Meine Route führt mich heute an zwei tierischen Highlights des Parks vorbei, aber davon ahne ich beim Losfahren noch nichts. Die ersten Kilometer sind flach, entlang des Lake Yellowstone und ich genieße den Ausblick über den See mit den gewaltigen Bergen im Hintergrund. Direkt hinter dem See erwartet mich Highlight Nummer eins, ein riesiger Wapiti mit statlichem Geweih steht auf einer Wiese und grast gemütlich. Das Tier steht dreißig Meter vor ein paar Touristen und stört sich nicht weiter an ihnen.
Anschließend komme ich an den Grand Canyon der Yellowstones. Das ist schon der zweite Grand Canyon den ich auf meiner Reise sehe, anscheinend hat jeder Staat hier einen. Aber der Canyon ist schon ziemlich beeindruckend mit seinem riesigen Wasserfall.
Nicht weit entfernt sehe ich eine Reihe Autos am Straßenrand stehen. Wo Autos parken ist hier immer was los, also heißt es Augen aufhalten! Und tatsächlich, auf der Wiese hundert Meter vor den Autos lustwandelt ein Schwarzbär. Und er kommt langsam näher bis er irgendwann zwischen den Autos ist, was bei einigen Besuchern doch ein gewisses Unbehagen auszulösen scheint. Auch der Bär erschreckt sich ein bisschen und läuft schnell über die Straße und verschwindet im Wald.
Weiter geht es, mal wieder bergauf. Es regnet, der Regen wird zu Hagel und der Hagel zum Gewitter, ich bin klitschnass aber zum Glück hört es auch bald wieder auf. Die anschließende Abfahrt ist gigantisch, auf fast zwanzig Kilometer geht es insgesamt 1000 Meter bergab. Ich bin immer noch naß und friere furchtbar, beschließe aber trotzdem meine Bremsen ein bisschen zu schonen, ich fahre immer noch das erste Paar.
Abends am Campingplatz bin ich ziemlich müde, esse zu Abend und verstaue all meine Lebensmittel und meinen kleinen Kulturbeutel in einem der Bärensicheren Container die es auf jedem Campingplatz gibt.

Tag 6:
Bis zum Lamar Valley, durch das ich vor ein paar Tagen in den Park gekommen bin, sind es nur noch 5 Kilometer. Da ich aber den Park auf der Westseite verlassen will muss ich eine Teilstrecke noch einmal fahren. Da heute nur 50 Kilometer auf dem Plan stehen beschließe ich eine kleine Wanderung dazwischen zu packen. Der Plan ist von Mammuth Hot Springs aus bis zu einem Biberdamm zu gehen, insgesamt bin und zurück rund acht Kilometer. Leider finde ich in dem Gewirr aus Trampelpfaden nicht den richtigen Weg. Ich gehe also auf einen der Hügel und lese ein bißchen weiter in meinem Buch. Irgendwann höre ich Donner in der Ferne und sehe wie sich dunkle Wolken über die Berge im Osten Rollen. Das wäre bestimmt ein super Zeitraffervideo, aber ich entscheide mich doch für Variante 2 und mache das ich schleunigst von meinem Hügel runter komme. Ich bin in der Stadt bevor es anfängt zu regnen, so mag ich das!
Die nächsten zwei Stunden wird in der Touriinfo (und im Eisbahn) auf besser Wetter gewartet bevor es weiter geht. Ich fahre zum zweiten Mal durch die herrlich zerklüfteten Berge, diesmal mit ganz viel Platz auf der SD Karte.

Tag 6:
Ich bin wieder auf dem ersten Zeltplatz und beschließe diesmal den Bighorn Pass zu gehen, ich habe mein Bärenspray und me, myself and I sind eine tolle Reisegruppe. Was soll da noch schief gehen?
Ich frage vorher doch noch mal den Ranger, man weiß ja nie.  Tatsächlich erzählt  er mir, dass auf dem Trail ein totes Tier liegt, dass von einem Grizzly bewacht wird. Oh ha, ich habe zwar jetzt mein Bärenspray, aber drauf anlegen muss man es ja trotzdem nicht!
Er empfiehlt mir drei Kilometer die Straße Richtung Norden zu fahren und dort in einen anderen Trail einzusteigen, klingt vernünftig!
Sobald ich auf dem Trail bin ist von den Touristenströmen die sonst durch den Park ziehen nichts mehr zu sehen. Die Amerikaner lieben die Natur, aber eben nur den Teil den man vom Pickup aus sehen kann. Ein paar tapfere Wanderer begegnen mir auf meinem Weg aber doch noch. Es geht ein paar Kilometer durch die Steppe und anschließend in einen Wald, der immer wieder von großen Wiesen unterbrochen wird. Im Wald sehe ich einen Wegweiser “Gipfel 6,7Kilometer” klingt gut und ich freue mich auf eine gute Aussicht. Es geht bald steil bergauf und irgendwann muss ich tatsächlich anfangen bisschen zu Klettern bis ich auf einen Vorgipfel komme, ein kleines Plateau von dem aus es noch einmal die letzten Meter nach oben geht. Hier sieht es nach etwas anspruchsvolleren Klettern aus als ich es mir zutraue und außerdem bin ich alleine, das lasse ich also lieber. Stattdessen mümmel ich meine mitgebracht Tüte Nachos und genieße die Aussicht, die schon von hier aus großartig ist.
Auf dem Weg nach unten fängt es mal wieder an zu hageln, ordentlich dicke Körner fallen vom Himmel, aber es klart auch schnell wieder auf. Ich bin trotzdem froh als ich wieder auf dem Zeltplatz bin, 26 Kilometer und 850 Höhenmeter stehen am Ende auf der Uhr, ich bin total fertig und froh früh im Zelt verschwinden zu können!

Tag 7:
Ich wache auf und habe tatsächlich den ersten richtigen Muskelkater meiner Reise, ich bin aber auch kein wanderer. Ok, einen kleines Muskelkäterchen hatte ich schon mal nach einer Gegenwindetappe, aber heute merke ich es deutlich. Da hilft nur eins: Radeln!
Ich fahre ein letztes mal durch den Park, stoppe noch einmal in Norris an einem Geysire und drehe eine Runde am Firehole River, zwei Dinge die ich bei der ersten durchfahrt übersehen habe. Am Firehole River gibt es eine Badestelle. Ein paar Meter vorher fließt eine Thermalquelle in den Fluss, das Wasser ist angenehm warm und ich genieße es ein bisschen rumzuplanschen bevor ich den Park durch ein schnuckeliges Tal verlasse.

So long…

Sven

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