Gold und Steine

Seit ich im Yellowstone National Park war treffe ich fast täglich Radfahrer. Ich fahre weiter auf einem Teilstück des Transamerikan Trail über herrlichen Highways mit breiten Schultern. Ich komme durch Vice City, eine Goldgräberstadt und die erste Hauptstadt von Montana. Mittlerweile eine Geisterstadt. Die Hauptstadt von Montana ist ein paar mal umgezogen und war immer da wo es gerade Gold gab.


In Twin Bridges bleibe ich für drei Nächte, ich brauche noch mal ein bisschen Auszeit. In der Stadt gibt es ein Bikecamp, ein Häuschen direkt am See mit Strom, Duschen und einem Montageständer. Die erste Nacht schlafe ich im Haus, muss es mir aber mit einer Maus teilen die mich ordentlich wach hält mit ihrem Tatendrang. Die beiden nächsten Nächte schlafe ich im Zelt auf der Wiese das ich mit niemandem teilen muss.

Der Weg bis Bute ist herrlich, erst durch ein langes Tal mit hübschen Bergen an der Seite und dann fahre ich über einen der schönsten Pässe meiner Tour!

In Bute wechsel ich vom Transamerikan Trail auf die Greate Devine Mountainbikeroute, die längste Mountainbikestrecke der Welt von Canada bis an die mexikanische Grenze. Es geht runter vom Highway und rauf auf einige kleine Schotterstraßen. Ziel der Route ist es möglichst oft den Höhenkam der Rocky Mountains zu überqueren. Das bedeutet unglaublich schöne Aussichten aber auch ordentlich Höhenmeter auf schlechten Straßen. Auch hier wurde eifrig nach Gold gesucht und es liegen etliche Mienen am Wegesrand. Immernoch findet man den ein oder anderen glücksuchenden die Hänge nach etwas wertvollen durchstöbern. Die meisten Dörfer sind klein und ein bisschen schebig, fast allen sieht man an das es einmal mehr Einwohner und Geld gab.


Ich fahre in nördliche Richtung, die meisten anderen Fahrer Richtung Süden,also treffe ich viele Radler mit Informationen über das was vor mir liegt. In Basin gibt es nur zwei Lokale und als Radfahrer trifft man sich in der Pizzeria. Alle Radler die ich treffe versichern mir, dass sie den härtesten Mountainbiketag ihres Lebens hinter sich haben. Das heißt für mich geht es morgen richtig zur Sache. Wir beschließen uns zu fünft einen Campingplatz am Fluss zu suchen und nach zwei vergnügten Stunden Bikergeschwätz geht es ins Zelt.


Morgens fahre ich in das kleine Café, frühstücke eine Omelett mit Pilzen und eine ordentlichen Portion Bratkartoffeln, die kann ich heute brauchen. Während dem Frühstück lade ich mir die GPS koordinaten für den Tag runter, aber nach 90 Minuten ist der Download erst halb fertig. Egal, ich habe ja immer noch die Karte und langsam ordentlich Hummeln im Popo, ich muss langsam mal los!
Die Straße ist unglaublich steil, einmal muß ich vom Rad runter und 100 Meter schieben weil nichts mehr geht. Meine Karte ist gut beschrieben, aber leider aus der anderen Richtung. Ich weiß nur, dass ich irgendwann rechts auf einen schmalen Pfad abbiegen muss, kann mich aber zwischen den mindestens 10 Snowmobil- Reit- und Spazierwegen nicht entscheiden und lande nach 30km und 1000 Höhenmetern in einer Sackgasse. Keine Chance den richtigen Weg zu finden. Ich entschließe mich 5km zurück zu fahren und erstmal meine Mittagspause einzulegen, vielleicht kommt mir ja ein Radler entgegen der mir sagen kann wo es lang geht. Aber ich bleibe alleine, also entschließe ich mich wieder ins Tal zu fahren und die Strecke zuende runter zu laden. Die Abfahrt ist ordentlich, aber ich kann sie nicht genießen, weiß ich doch das ich morgen die Strecke noch einmal fahren muss, wieder bergauf. Um den Tag abzurunden erwische ich auf dem Weg nach unten einen Stein ganz ordentlich mit dem Vorderrad, dass innerhalb von Sekunden komplett platt ist. Es braucht zwei Flicken bevor der Reifen wieder die Luft hält, aber der Mantel ist schon ziemlich runter und sollte demnächst mal ausgetauscht werden. Zurück in Basin geht es also von neuem los, ab in die Pizzeria, andere Radler treffen, Karte runterladen, Zeltplatz suchen. Aber ich kenne jetzt eine gute Stelle.


Den nächsten Tag fange ich von Anfang an anders an, ich stehe früher auf, Frühstücke Pfannkuchen und starte mit neuer Naviapp und runtergeladener Karte erneut in den Berg. Wieder bergauf, wieder hundert Meter schieben, wieder abrackern. Nach zwanzig Kilometern piept es, mein Zeichen zum abbiegen. Ich habe den Weg gestern tatsächlich um 10 Kilometer verfehlt. Und von allen Wegen an denen ich vorbei gekommen bin hätte ich diesen am allerwenigsten ausgesucht! Unheimlich steil, dicke Felsklumpen überall, der Regen hat in die Mitte eine Fursche von bis zu 70cm gespült und es gibt immer wieder Passagen über losen Sandboden. Was für eine Plackerei, die nächsten zwei Meilen muss ich immer wieder vom Rad und schieben, einmal wird es so steil, dass ich mein Rad nicht mal mehr den Berg raufzerren kann. Also runter mit den Packtaschen, das Rad 300 Meter den Berg hochtragen und anschließend die Taschen holen. In die entgegengesetzte Richtung hätte ich hier mein Rad wahrscheinlich genauso geschoben, ich kann mir nichtmal vorstellen hier runter zu fahren! 

Irgendwann erreiche ich tatsächlich den Gipfel und habe eine unglaublich gute Aussicht auf einen Berge, aber mein Sinn für Ästhetik ist gerade auf dem absoluten Nullpunkt, keine Fotos, nur kurz Luft holen und dann geht es auf der anderen Seite wieder runter. Der Weg ist nicht viel besser und ich fahre mit angezogenen Bremsen und selten über zehn kmh bergab, auch kein richtiger Spaß. Ich bin froh als ich wieder auf einer gut fahrbaren Schotterstraße bin.


Ich komme um punkt sechs nach Helena, die beiden Radläden haben gerade zu, also muss ich morgen shoppen gehen, der nächste Radladen kommt erst in 500km und es wird wirklich Zeit für neue Mäntelchen.
Dafür komme ich aber gerade rechtzeitig zu Shakespeare im Park und genieße ein bisschen Kultur im open air Theater. Es ist schon spät als ich mir einen Schlafplatz suche und ich habe heute echte Probleme, ich frage ein paar einheimische und den Sherrif, aber ein Plätzchen für mein Zelt ist nicht in Sicht. Irgendwann komme ich an eine Tankstelle und darf hinter dem Gebäude campen, zwischen Interstate und Highway, aber heute ist mir alles egal, ich schlafe schnell und tief, werde aber schon um sechs wieder geweckt, der Frühdienst verbietet mir hier weiter zu campen. Aber egal, ich bin gut ausgeruht und habe irgendwo schlafen können,dass muss reichen.
Jetzt muss ich nur irgendwie die vier Stunden überbrücken bis mein Radladen aufmacht, also auf zu Burger King. Ich bestelle einen kleinen Softdrink und genieße die Möglichkeit ihn Kostenfrei nachfüllen zu dürfen für die nächsten dreieinhalb Stunden.

Dann geht es zum Radladen und danach mit frischen Reifen weiter über steile Berge und schlechte Straßen, aber alles harmlos im Vergleich zu gestern. Am Abend komme ich in einem kleinen Tal an einem Platz von dem ich schon viel gehört habe, dem zuhause von Barbara und Jeff. Die beiden leben direkt am Trail und haben ein riesen Herz für Radler. Am Eingang wird man mit einem riesen Schild freundlich begrüßt und eingeladen sich aus einer Kühltruhe zu bedienen. Obenauf liegt tatsächlich ein Kölsch, mehr geht nicht, sollte man denken!
Aber die beiden haben auf ihrem Grundstück ein Blockhaus welches sie Bikern zur Verfügung stellen. Das Grundstück teilt man sich mit zwei Lamas, die für die Grundstückspflege zuständig sind, sich aber ganz schön gehen lassen.
Die Hütte ist voller Getränke, Süßigkeiten und anderem Proviant, man kann sich hier wirklich bedienen und sich am großen Gaskocher was brutzeln, unglaublich! Ich genieße die Nacht in einem warmen Bett und bin morgens fit für den Tag.


Es wird wieder unglaublich anstrengend, für die ersten 10 Kilometer brauche ich 90 Minuten, die zwei Pausen die ich mache nicht eingerechnet. Die Straße ist so steil das ich irgendwann einfach umkippen, nichts geht mehr. Den Großteil des morgens verbringe ich schimpfent und fluchent, so Kann man doch keine Wege machen!!!
Nach knapp 40 Kilometern komme ich nach Lincoln und esse erst mal ordentlich zu Mittag, danach ist die Stimmung wieder hergestellt. Hier im hohen Norden gibt es über 90 Waldbrände, es hat seit Wochen nicht geregnet und es sind mehrere hundertschaften der Feuerwehr im Einsatz. Die Dörfer sind alle in Alarmbereitschaft und alle sind bereit die Gegend jederzeit zu evakuieren. Schon eine seltsame Stimmung hier zu fahren. In jeder Stadt gibt es einen Infostand der Feuerwehr an dem man erfährt welche Strecken gesperrt sind. Auch auf dem Trail brennt es und ich muss auf den Highway ausweichen. Die nächsten 40km genieße ich richtig, Asphalt unter den Reifen, kaum Steigung und nach vier Tagen an der Leistungsgrenze habe ich endlich wieder das Gefühl voran zu kommen. Die Muskeln lockern sich und ich fahre wieder gerne Rad! Der Tag endet in Ovando, mein Zelt bleibt die zweite Nacht in Folge eingepackt, auf dem Dorfplatz stehen ein Tipi und ein alter Planwagen für Radfahrer bereit. Ich entscheide mich für den Planwagen und gehe früh ins Bett. 

Der nächste Tag ist für mich nur ein halber, ich fahre 65km bis Seeley Lake, hole mir auf der Post ein Paket mit einem langen Unterhemd und warmen Socken ab, die Nächte sind doch wieder ziemlich kalt und fahre dann zum Campingplatz, es ist mal wieder Zeit für einen Ruhetag.
Wobei wirklich Ruhe auch anders ist, ich bin direkt am See aus dem die Feuerwehr ihr Löschwasser holt zwei Flugzeuge und ein Helikopter fliegen den See im viertelstundentakt an. Auf der anderen Seeseite sieht man an mehreren Stellen Rauch aus dem Wald aufsteigen und besonders morgens riecht es heftig nach Rauch. Im Dorf gibt es ein großes Zeltlager für Feuerwehrmänner aus dem ganzen Land, das dritte an dem ich in 70km vorbeikomme.

Weiter im Norden soll es noch schlimmer sein mit den Bränden, die meisten Zeltplätze im Glacier Nationalpark sind evakuiert, die Straßen aber befahrbar. Bis ich da bin sind es noch ein paar Tage und die Situation ändert sich hier stetig, mal schauen wie es wird, ich werd auf jeden Fall keinen der Infostände auslassen…

7 thoughts on “Gold und Steine

  1. Susanne

    Spannend! Ich verfolge Deinen Blog regelmäßig in aller Stille, musste mal gesagt werden 😉
    Weiterhin gute Fahrt, viel Spaß und pass auf Dich auf!

  2. Ryan

    Very nice to meet you rafting today, Sven. I look forward to reading the post for Glacier National Park and following for the rest of your trip.

  3. Corina zohren

    Liebe Grüsse aus Norditalien….Pass auf dich auf….melden uns sehr bald wieder…und wieder einmal danke für die grandiosen bilder

  4. Ute Fischer

    Hallo lieber Sven, das sind wieder tolle Eindrücke und Bilder die du wieder geliefert hast . Mach weiter so und lass dich nicht unterkriegen.. lo lieber Sven, ganz lieben Gruß,
    Ute

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